Neue Westfälische vom 25.10.2005

Längst reif für die Insel

Britisches vom Symphonischen Blasorchester

Gütersloh. Einen unterhaltsamen Streifzug quer über die Britischen Inseln unternahm das Symphonische Blasorchester und sein Jugendorchester unter Leitung von Thomas Boger am Sonntagabend in der Stadthalle, gefolgt von etwa 400 Zuschauern. Vom Volkslied über die Beatles intonierten das Orchester alles, was typisch britisch ist, und schlossen nach diversen unterhaltsamen Abstechern stilecht mit einer Anleihe bei der "Last night of the proms".

Schon mit Philip Sparks opulent und doch spritzig formuliertem "Concert Prelude" stellte das Symphonische Blasorchester klar, dass es viel mehr kann als nur Märsche zu schmettern. Sollten diese dennoch mal auf die Notenständer kommen, werden sie in schwungvollem Detailreichtum präsentiert, wie die folgenden Volksliedsuite bewies.

Bei "Greensleeves" konstruierte Thomas Boger dank der hochdisziplinierten, präsenten und technisch versierten Spielweise seiner wunderbar kongruent agierenden Musiker ein in Ruhe erstrahlendes, dichtes Klanggemälde, das nicht zuletzt durch seine beachtliche dynamische Spannweite beeindruckte.

Derek Bourgeois bot ein Beispiel für Spleenigkeit: Der britische Komponist versah seinen eigenen Hochzeitsmarsch mit so vielen abrupten Taktwechseln, dass man sich dazu eigentlich nur stolpert oder hinkend fortbewegen kann. Klar, dass die Symphoniker sich allen rhythmischen Tücken souverän gewachsen zeigten.

Auch beim Jugendorchester setzte Thomas Boger auf Nieveau. Obwohl im Spätsommer mehrere Anfänger integriert wurden, erarbeiteten die jungen Musiker mit Peter Warlocks Capriol Suite sowie einem Phantom der Oper- und einem Beatlesmedley ein beachtliches Programm, das sie ansprechend präsentierten. Bei so sorgfältig ausformulierten Spannungsbögen, so vital geblasenen Haltetönen und einem so kollektivem Musikempfinden müssen sich die Symphoniker, einige wenige schräge Töne hin oder her, keinerlei Nachwuchssorgen machen.

Dann waren wieder die Erwachsenen an der Reihe, die Michael Kamens Filmmusik zur Hollywoodversion der Robin-Hood-Geschichte mit Kevin Costner nutzten, um sich einmal mehr als vollwertiges Sinfonieorchester zu beweisen: In filigraner Opulenz geleiteten sie ihr Publikum facettenreich durch ein Wechselbad der Gefühle.

Wenn Edward Elgars Marsch Nr. 1 in Großbritannien erklingt, vergessen die als steif verschrieenen Briten jede Zurückhaltung: Mit Tränen in den Augen, die rechte Hand aufs Herz gelegt, schmettern sie "Land of hope and glory", dazwischen wird stehend mitgewippt. Dass die Gütersloher sich lediglich zu rhythmischem Mitklatschen hinreißen ließen, kann aber keinesfalls den Symphonikern angelastet werden, die auch dieses Werk in strahlender Präsenz zelebrierten und sogar Britisches fürs Auge boten: Einer der Schlagzeuger stellte als Königsgardist in roter Uniform mit riesiger schwarzer Fellmütze einen echten Blickfang dar, und aufmerksame Zuschauer konnten in den hinteren Orchesterreihen sogar vereinzelte Guinessflaschen entdecken.

Heike Sommerkamp