Neue Westfälische vom 26.03.2003

Oscarreife Vorstellung

Feuerwehr-Blasorchester bot Filmmusik auf Höchstniveau

Gütersloh. Wer wollte sich dieser Tage schon einem risikobehafteten Besuch der „Oscar“-Verleihung aussetzen, wenn man doch auch vor der eigenen Haustür eine kräftige Portion Hollywood geboten bekommt? Statt falscher Tränen und Dankesworten beschränkte sich das Symphonische Blasorchester der Feuerwehr Gütersloh unter Thomas Boger am Sonntag allerdings auf das wirklich Wesentliche: Filmmusik in Höchstqualität.

Wenn eine üppige Blondine zum Bolero bittet, ist sicherlich nicht ganz klar, welcher Name da vorrangig hängen bleibt: Bo Derek oder Maurice Ravel. Für das sehr bolerohaft geartete „Crescendo“ von Klaus Peter Bruchmann gilt in jedem Fall: Nicht hängen zu bleiben, ist eine musikalische Überlebensnotwendigkeit. Denn wie beim Ravelschen Vorbild trägt die gleichförmige Konzentration zehrende Rhythmusfigur der Trommel zahlreiche Soli sicher durch temperamentvolles Wühlen. Kleine Profilier-Parts waren gerecht über alle Instrumentengruppen verteilt und wurden von den Musikern ohne Ausnahme hervorragend gemeistert.

Unter dem energiegeladenen Dirigat Thomas Bogers lieferten die Bläser sowohl dem „Hobbit“-Satz aus Johan de Meijs „Herr der Ringe“-Symphonie als auch dem bravourös geschwungenen „Tanz der Stunde“ aus Amilcare Ponchiellis Inquisitions-Oper „La Giaconda“ eine klangliche und rhythmische Klasse(n)leistung. Und fürs „James-Bond“-Medley konnte Boger auf mehr Geheimwaffen zurückgreifen, als der Agent Ihrer Majestät je im Ärmle gehabt hat: In seinem glänzend besetzten Orchester tummelt sich der eine oder andere „Jugend musiziert“-Preisträger.

Das Jugendorchester wusste mit einem schelmisch aus dem Hut gezauberten „Harry Potter“ das gesicherte Niveau des Nachwuchses zu bestätigen: Den Anwärtern auf einen Platz im Hauptorchester gelangen Höhepunkte aus John Williams Filmmusik-Schaffen wie „Star Wars“, „Jurassic Parc“ und „E.T.“ so glänzend, dass man duchaus mal nach Raumschiffen und fliegenden Fahrrädern an der Stadthallendecke spähen musste.

Tausche Realität gegen Glitzerwelt – die Botschaft des Abends glich jener Gratwanderung, die sämtliche Unterhaltungs-Veranstaltungen dieser Tage unternehmen. Dass die stolz marschierende „Olympic Fanfare“ nicht gerade dazu angetan ist, das kriegerische Weltgeschehen völlig vergessen zu machen, ist natürlich die Crux einer traditionellen Militärmusik-Besetzung.

Die Zeit, als Studiobosse noch ihre Schauspieler-Gattinnen zu Preisfavoriten machten, blieb am Sonntag nicht unbereist: Nach einem mehr als zauberhaften Ausflug ins Land des „Zauber von Oz“ fiel das Publikum endgültig aus seiner „Statistenrolle“, raste vor Begeisterung und ließ sich nicht in den lauen Vorfrühlingsabend schicken, ohne frenetisch zwei Zugaben für ein (in jeder Hinsicht) gestandenes Orchester erklatscht zu haben, die das knüllevolle Programm in der knüllevollen Stadthalle glanzvoll abrundeten - kurz: eine oscarreife Vorstellung.

Kerstin Brune