Neue Westfälische vom 31.05.2000
Stimmung wie bei den "Proms"
Symphonisches Blasorchester der Feuerwehr mit Männerchor aus Anston zu Gast
Gütersloh. Hätte nicht die biedere Holztäfelung der Stadthalle den Zuschauer auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, hätte man sich kurzzeitig bei den berühmten "Last Night of the Proms" wähnen können. Denn wie das Symphonische Blasorchester der Feuerwehr und der befreundete Männerchor aus Anston unter der Leitung des englischen Gastes Howard Thomas die "Fantasia on British Sea Songs" des Promenaden-Initiators Henry Wood intonierte, erinnerte nicht wenig an den patriotischen Übermut, den das Publikum alljährlich in der Royal Albert Hall zum Wippen, Pfeifen und Singen animiert.
Zwar hielt es die Hörer in der gut besuchten Stadthalle auf ihren Plätzen. Doch der enthusiastische Beifall, den das Konzert des einstigen Feuerwehrmusikzuges unter dem neuen Namen und dem Motto "Musik ohne Grenzen" erhielt, sorgte dafür, dass die knapp 50 Damen und Herren des Orchesters unter Thomas Bogers Leitung erst nach fast drei Stunden und nicht ohne vier Zugaben die Bühne verlassen durften.
Der grenzenlosen Publikumsbegeisterung entsprach das Programm, das vom Orchester und dem Chor abwechselnd bestritten wurde. In allen Gattungen und Stilen erwiesen sich die Musiker des Symphonischen Blasorchesters gleichermaßen kompetent wie engagiert, Ob im geradlinigen Zweivierteltakt des "Florentiner Marsches" von Julius Fucik, dessen funkelnder musikalischer Humor von Thomas Boger schön zur Geltung gebracht wurde, oder im wirbelnden Brio Rossinischer Opernouvertüre ("Die diebische Elster"): Das Orchester zeigte sich allen Anforderungen nicht nur technisch gewachsen, sondern mit dem Herzen zugeneigt.
Besondere Leckerbissen waren, wohl auch als Reverenz an die Gäste aus Anston gedacht, Gustav Holsts "Second Suite in F", die im dritten Satz ein gehöriges Maß an rhythmischer Präzision vom Schlagwerkapparat verlangt und in der Final-Fantasie über Holsts geliebte "Dargason"-Jig mitreißenden tänzerischen Elan entfaltete und Arthur Sullivans spritzige Musik zu "Pineapple Poll". Mit Stadthallenorgel und Keyboard (Sebastian Ehl) geriet Webbers "Phantom der Oper" besonders klangintensiv.
Wie gut es um den Nachwuchs bestellt ist, offenbarte die musikalischen Stadtansichten der "Hanseatic Suite", die das Jugendorchester so überzeugend inszenierte, dass die Charakterisierung Duisburgs mit "rassigem Tanz im Dreivierteltakt" vom dortigen Verkehrsverein eingesetzt werden sollte. Ähnlich dem Gastgeber, präsentierte sich der englische Männerchor ebenfalls stilistisch entgrenzt.
Wie dezent und kultiviert Verdis Gefangenenchor aus Nabucco auch gesungen werden kann, wenn man sich von der bierseligen ostwestfälischen Fassung ("Ja, wir wollen so gern einen heben") freimacht, bewies der Chor Mit "Speed your Journey". Gut gelang auch das Beckenschwung provozierende "Jamaica Farewell" und das klanmächtige "Afrikanische Gebet" von Enoch Sontongo. Mit "Oklahoma" und amerikanischen Songs wussten die Herren unter der Leitung von Howard Thomas und begleitet von Cynthia Herrington (Klavier) auch Musicalfans zu begeistern und trugen so zum riesigen Erfolg des Abends bei. Dass sie allerdings bei der letzten Zugabe, dem "River Kwai"-Marsch , nicht den Text eines die Verdauung fördernden Magenschnapses mitsangen, kann ihnen nicht hoch genug angerechnet werden.
Matthias Gans
