Neue Westfälische vom 20.11.1992
Feuerwehrmusikzug in neuer Uniform / Ausverkaufte Stadthalle
Zauber der Montur beim Gemeinschaftskonzert
Den Rhythmus im Blut
Gütersloh. Zauber der Montur: In der Paradeuniform einer preußischen Feuerwehr zur Zeit der Jahrhundertwende präsentierte sich der Musikzug Gütersloh-Zentral zum Gemeinschaftskonzert mit den Chören des Turner-Gesangvereins in beinahe überfüllter Stadthalle: Königsblauer Rock mit schwarzen Kragenbörtchen und Stulpen und messingblank gefassten Schulterklappen, schwarze Hose mit roter Biese, Kapellmeister Peter Bernard Smith und Vorsitzender Harald Ehl unter goldbetressten Epauletten. Sehr schick!
Der Turner-Gesangverein einschließlich seines Dirigenten Wilhelm Lienke bot ebenfalls viel fürs Auge: die Damen in fliederfarbenen Blusen, die Herren in eierschalenhellen Blazern, partnerschaftlich akzentuiert durch fliederfarbene Hemden und Einstecktücher. Der Jugendchor, von Claudia Gentejohann geleitet und seit dem vorigen Auftritt wesentlich verbessert, kleidete sich nach eigenem Geschmack und gewann die Herzen der Zuhörer mit Spirituals und einem entzückenden Madrigal im Barock: „Der Floh“.
Die preußisch-historisch gekleideten musizierenden Feuerlöscher begrüßten das Publikum nicht mit „Preußens Gloria“, sondern der deutschen Einigkeit zuliebe mit dem Bayerischen Defiliermarsch im korrekt gemessenen Tempo. Den zweiten Teil des Programms eröffneten sie mit dem Marsch „Jubelklänge“ und bewiesen, dass ihnen der Rhythmus im Blut steckt. Glanzlichter der Instrumentalvorträge waren Martin und Thorsten Storcks brillantes Duo-Solo im Posthorngalopp, die prächtige Leistung des Flötenregisters im Slawischen Tanz Nr. 8 von Anton Dvorák und dessen Zusammenspiel mit dem Orchester und der Vortrag des Concertino für Klarinette und Orchester von Carl Maria von Weberin der Bearbeitung von T. Canwax Brown mit dem meisterlichen Solo der jungen Paderbornerin Antje Grimminger.
Längst greift der Musikzug weit über das Geläufige hinaus, wagt sich an Musik aus dem Ballett „Coppelia“ von Leo Delibes, produziert einen exzellenten Glockenmarsch, frappiert mit sehr exaktem „Tanz der Automaten“, lässt die „South Rampart Street Parade“ unauffällig aber wirkungsvoll swingen. Nachdem die Preußisch-blauen mit „Deutschen Impressionen“, einer von P. B. Smith bearbeiteten Volksliederfolge, ebenfalls sprungbereiten Applaus eingefangen hatten, blieb ihnen nur die Zugabe: „Teure Heimat“, der Chor der Gefangenen aus „Nabucco“ von Guiseppe Verdi.
Weil die Heimat der Feuerwehr allein zu teuer zu stehen gekommen wäre, verbündete sie sich mit den 100 Turnersängerinnen und –sängern zum raumfüllenden Tutti. Da lachte das Herz nicht nur des Liedervaters Wilfried Rethage und dessen, der die verbindenden Worte sprach: Claus Hunke!
Im Programm der Turnersänger fühlten sie sich alle wohl: die Österreicher Wolfgang Amadeus Mozart und Willy Trapp, der Brite Henry Purcel, der im Programm nicht namentlich genannte fromme Russe, dem die Welt den innigen „Vespergesang“ verdankt, der Böhme Friedrich Smetana, und die deutsche Romantikerseele Carl Maria von Weber. Die Turnersanggemeinschaft mit hellem Klang wurde alledem gerecht und fügte manches hinzu, unter anderem „Amen“, einen geistlichen Volksgesang, in dem die Jugendlichen Vorsänger waren. Heiner Breitenströter begleitete die Sänger am Flügel, Wilhelm Lienke, Arrangeur, Komponist und Pianist aus Leidenschaft, spielte zur allgemeinen Überraschung ein liebenswürdiges, wohlklingendes Stück – gewiß aus eigener Feder.
Zum Abschied trat die Jugend an die Rampe und drehte dem Publikum den Rücken zu. An jedem klebte ein Buchstabe; hintereinander gelesen ergaben sie den herzlichen Dank für fast drei Stunden Aufmerksamkeit und Zustimmung.
