Neue Westfälische vom 23.11.1990

Zum 10. Male in der Stadthalle: Turnersänger und Feuerwehrkapelle

„Das war´ne ‚Wucht in Tüten’!“

Gütersloh. Wie ihm das 10. Gemeinschaftskonzert des Musikzuges der Freiwilligen Feuerwehr Gütersloh-Zentral und der Chöre des Turner-Gesangvereins in der Stadthalle gefallen habe? „Das war doch wohl´ne Wucht in Tüten!“ antwortete der Gefragte, und seine Augen strahlten. Er teilte seine Begeisterung sicherlich mit der überwältigenden Mehrheit derer, die die Stadthalle füllten und durch ihren Besuch bewiesen, dass die traditionsreichen Gemeinschaften an Beliebtheit noch gewonnen haben. Zum ersten Male trat der Jugendchor des Tuner-Gesangvereins, 13 Jungen und Mädchen unter der Leitung von Claudia Richter, an die Öffentlichkeit und erntete wohlverdienten Applaus mit „Barbara Ann“ und „There´s a Meeting Tonight“.

Triumphal mit Trompetenschall und Paukenschlägen eröffnete der Musikzug unter Peter Bernard Smiths Stabführung das Konzert mit dem Marsch „Der große Konzern“ aus seiner Suite „Unsere Stadt“. Dieser leidenschaftliche Musiker forderte seine Gemeinschaft zwar bis zum äußersten, gibt ihr aber zielstrebig Profil. Das zeigt sich in einer für Laienorchester fast unglaublichen Exaktheit der Einsätze, wohltuenden Homogenität der Register und strahlenden Musikalität. „Die Wucht“, um der Stimmer der Begeisterung zu folgen, waren außer dem „Großen Konzern“ vor allem der Bayrische Defiliermarsch von Herzer und die letzte der beiden Zugaben, der Hymnus „Highland Cathedral“ eines deutschen Komponisten, in der Leitstimme für Dudelsack geschrieben, von Peter Bernard Smith für Spielmannszug und Blasorchester arrangiert, an diesem Abend zum ersten Male vor Gütersloher Publikum gespielt – ohne Spielmannszug, dafür in 1. Flöte mit Sabine Günther hervorragend besetzt, von den Hörnern weich und warm gerahmt, vom Schlagwerk exzellent akzentuiert, insgesamt sehr harmonisch und vollkommen stimmig ausgeführt, wie gesagt: „Eine Wucht“.

Man könnte vermuten, dass es für einen in der stolzen Tradition britischer Militärmusik aufgewachsenen Dirigenten nichts Schöneres geben könne als ein klingendes Fest von Glanz und Gloria. Weit gefehlt! Zwar hat Militärmusik dieses Musikzuges mit gleichfalls stolzer Tradition nie kultivierter geklungen als unter Peter Bernards Smiths Einstudierung, doch ist der einstige Gardemusiker in tiefster Seele Sinfoniker. Dieser Liebe huldigte er beim jüngsten Konzert mit der geschickten Blasorchesterbearbeitung der Sätze „Trumpet Tune“ und „Air“ aus Händels „Feuerwehrmusik“ durch Peter B. Smiths Studienfreund Taylor (Trompete: Martin Storck), ferner mit dem sinfonischen Intermezzo aus der Oper „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und der feurigen Farandole aus der L`Arlesienne-Suite von George Bizet. Denen, die dem Musikzug besonders aufmerksam zuhören, seitdem Smith ihn leitet, blieb vor Staunen über den mittlerweile erlangten Fertigkeitsgrad der Mund offen. Was nun noch fehlt, können nur Berufsmusiker leisten, die die Zeit haben, ihre Stellen stundenlang zu üben. Allein der Mut, sich auf solche Stücke einzulassen, verdient rückhaltlose Bewunderung des gesamten Orchesters.

Gleichsam im Schatten instrumentalen Glanzes und enormer Intensität des Klanges haben rs Chöre schwer zu blühen und zu strahlen; sie blühten und strahlten dennoch. Unter Wilhelm Lienkes sicherer Leitung sang der Männerchor die beiden Beethoven-Hymnen „Gott ist mein Lied“ und „Die Himmel des Ewigen Ehre“ (an der Orgel Heiner Breitenströter) mit Herz und Hingabe und verliehen Gemischter Chor und Männerchor dem beliebten „Stundenruf des Wächters“ (Solo: Fritz Diethrad Güth) den Reiz des stets Gerngehörten. Gewiß hat Martin Husemann, Ehrenchorleiter des Sängerkreises Ravensberg, bald 85 Jahre alt und begeisterungsfähig wie ein Junger, seine Freude daran gehabt. Wie lange ist es her, dass er die Turnersänger in den „Stadttheater-Lichtspielen“ dirigierte und der Knabenchor der Realschule die Kehrreimstrophen sang?

Mehrere Titel, so den „Reigen“ von Oskar Strauß, das „My-Fair-Lady“-Medley und das Stimmungslied „Grüße vom Rhein“ boten Chöre und Kapelle gemeinsam dar – die Zugabe „Frei weg“ unter Wilhelm Lienkes Leitung. Neu im Repertoire: „Heimat, deine Sterne“ von Werner Bochmann aus dem Film „Quax der Bruchpilot“, hier im Satz von Wilhelm Lienke. Heiner Breitenströter begleitete die Chöre am Flügel. Die Mitwirkenden verabschiedeten sich von einem begeisterten Publikum, und das will heute etwas heißen!