Neue Westfälische vom 25.03.1999
Thomas Bogers Debüt beim Feuerwehr-Musikzug
Glücklicher Einstand
Gütersloh. Man hätte ja Verständnis gehabt: ein neuer Dirigent, ein für ihn neues Orchester und Publikum - ein krisenhafter Übergang beim Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Gütersloh - Zentral vom Altmeister P. B. Smith zum "Youngster" Thomas Boger wäre nur natürlich gewesen. Doch nichts davon war beim traditionellen Frühlingskonzert in der Stadthalle zu spüren. Thomas Boger, seit Oktober letzten Jahres Dirigent des Orchesters, hat die von P. B. Smith erarbeiteten enormen Ressourcen des Ensembles gründlich nutzen und mit seiner Arbeitsweise und seinem Repertoire in begeisternder Weise vereinen können. Ein glücklicheres Debüt hätten sich Dirigent und Musikzug nicht wünschen können.
Mag Thomas Boger auch die Orchesteraufstellung etwas geändert haben, was vor allem für die Kenner von Interesse gewesen sein dürfte, dem selbsterhobenen Qualitätsanspruch, das war auch für den Laien hörbar, ist man glänzend gerecht geworden. Das betraf sowohl die Werke des klassisch-romantischen Repertoires, die für symphonisches Blasorchester umgeschrieben wurden, wie auch die modernen Originalpartituren des zweiten Programmteils.
Leicht hat man es sich nicht gemacht. So verlangt die "Akademische Festouvertüre" von Brahms, die nach dem energisch und mitreißend gespielten "Marche Militaire Francaise" von Camille Saint-Saens auf dem Programm stand, sehr viel Verständnis für eine klug disponierende dramaturgische Gestaltung. Thomas Boger bewies diese Sensibilität bei erstaunlich hohem und sicher durchgehaltenem Grundtempo, ließ Übergänge geschmeidig formulieren und verlor doch das Ziel der triumphalen, blechgestärkten Coda nicht aus den Augen. Auch Bizets farbüberflutete Partitur der "L´Arlesienne Suite Nr. 2" wurde Boger mit seinem erfrischend zupackenden Dirigat vollauf gerecht. Daß die abschließende Farandole trotz des extremen Tempos nicht auseinanderdriftete, sondern ihren rasanten, ja rasenden Wirbel ohne Einbuße entfaltete, verdankt sich einer ungemein gründlichen Probenarbeit, die mit einem Wochenend-Workshop in Kalletal ihren Höhepunkt fand.
Das "Concerto per tromba e bands" des hierzulande nahezu unbekannten Opernkomponisten Almicare Ponchielle ist im Grunde eine großgestaltete Opernarie mit ausladendem Rezitativ, haarsträubend schwierigen Variationen für Koloraturstimme und einer atemberaubend dramatisch zugespitzten Stretta. Trompeter Rupprecht Drees, in Gütersloh schon als Solist bei den Jungen Sinfonikern in Erscheinung getreten, wurde dem Divenformat dieses Konzertes mit blitzblankem Ton und großem Atem für die halsbrecherischen Fioraturen gerecht.
Im zweiten Teil durften auch die Kleinen ran, die ihr junges Talent mit Pachelbels "Kanon", "Forest Gump"-Thema und "Macarena" mit viel Freude am Musizieren unter Beweis stellten. Man kann bekanntlich damit nicht früh genug anfangen. Harald Ehl (67) dürfte dem Jugendorchester ein exzellentes Beispiel dafür sein, wie man auch im Pensionsalter noch wesentliche Akzente im Orchester setzen kann. Bundesstabführer Werner Ketzer zeichnete den Mann an der Pauke für sein 50jähriges Wirken im Musikzug mit der goldenen Nadel des Bundesfeuerwehrverbandes aus und überreichte ihm eine Urkunde. Daß Harald Ehl noch längst nicht zum alten Eisen gehört, bewies er schließlich als Solist im supervirtuosen Artistenstück "Zirkus Renz".
Schwerpunkt im zweiten Teil war sicherlich Jan de Haans "Ouverture To A New Age", ein Werk, das an die patriotisch-optimistische Musik eines John Williams denken läßt. Denn ähnlich weiß auch de Haan kraftstrotzendes Pathos und schwärmerischen Lyrismus mit jazzartigen Elementen zu verbinden, und Thomas Boger läßt mit Lust, aber jederzeit kontrolliert, die Effekte des Stückes ausmusizieren.
Zum großen Orchesterapparat gesellte sich abschließend bei Elgars "Pomp and Circumstance"-Marsch noch die Orgel der Stadthalle (Reinhard Gramm) - eine überwältigende Wirkung. Ohne Zugaben entließ man die Musiker nicht. Ein "Lullaby" von Grainger, dessen Fassung von "O Danny Boy" die Zuhörer in der zweiten Konzerthälfte um dieselbe ringen ließ, führte zum "Pas Redouble" von Saint-Saens. So stand der programmatische Kreisschluß sinnbildlich für das gesamte Konzert: Eine vollkommen runde Sache.
Matthias Gans
