Neue Westfälische vom 28.09.1999
Musikzug der freiwilligen Feuerwehr mit "Musikalischem Bilderbogen"
Ausladend prunkvolle Klanggesten
Gütersloh. Konsequent hat Thomas Boger in seinem zweiten großen Konzert als Dirigent des Musikzuges der freiwilligen Feuerwehr Gütersloh-Zentral seinen musikalischen Ansatz perfektionieren können: Anspruchsvolle konzertante Literatur auf einem adäquaten Niveau zu verwirklichen. Das von ihm ein wenig umstrukturierte Orchester hat, wie der "Musikalische Bilderbogen aus zwei Jahrhunderten" am Samstag in der Stadthalle bewies, an rhythmischer Prägnanz und Homogenität noch gewinnen können.Mit dem Gewinn an musikalischer Souveränität ist den 48 Orchestermitgliedern deutlich der Spaß am virtuosen Spiel anzumerken. Selbst nach zwei Stunden zeigte sich das Orchester, das einen hochengagierten jungen Dirigenten enthusiastisch und von Perfektionswillen beflügelt folgte, keinerlei Ermüdungserscheinungen und ließ bereitwillig dem begeisterten Applaus zwei Zugaben folgen.
Thomas Boger hat, trotz seiner erst 28 Lenze, schon soviel Dirigiererfahrung gesammelt, daß er weiß, was er dem Musikzug der Feuerwehr zumuten darf. Natürlich kommt ihm dabei die Ausführungstradition seines Vorgängers P. B. Smith zugute, der seinerseits mit schwierigen Stücken das Orchester zu fordern wußte. Repertoireüberschneidungen sind dabei zwangsläufig und laden zum Vergleich ein.
So hat Percy Aldrigde Grainger in Bogers Herz ebensoviel Raum, wie weiland in P. B.‘s. Denn der unverkennbar britsche "Zungenschlag", mit dem der Musikzug die Volksliederbearbeitungen aus "Lincolnshire Posy" bewältigte, so nobel und doch temperamentvoll, ließ erkennen, daß Boger mit den beiden Briten (Grainger und Smith) empfindungsgemäß auf einer Welle liegt. Leicht sind diese Stücke übrigens nicht zu spielen, denn Grainger hat die "Folktunes" in so einem instrumental-virtuos schillernden Satz gekleidet, der nur von exzellenten Musikern bewältigt werden kann. Eben von solchen, wie sie im Musikzug spielen.
Überhaupt hat Bogers Liebe zur britischen Musik, sowie deren Bervorzugung der Brassbands, ihre Spuren im Programm hinterlassen. Gerade auch der 1951 geborene Philipp Sparke hat für effektvolle Stücke mit Blasorchester gesorgt. Seine "Jubilee-Ouverture" oder die Konzertouvertüre "The Hounds of Spring" ("Die Jagdklänge des Frühlings") zeigen dabei in ihrem großartig-plakativen Stil mit schmetternden Blecheinsätzen und lyrisch-weichschwingenden Holzkantilen, welches Erbe hier angetreten wird: das eines Elgars oder auch William Waltons. Dessen Marsch zur Krönung von König Georg IV. im Jahre 1937 "Crown Imperial" ist eine ungewöhnlich schwungvolle, fast swingende Musik. Der Musikzug ließ es dabei weder an der ausladend prunkvollen Klanggeste noch an Präzision bei dieser rhythmisch intrikaten Musik vermissen.
Ebenfalls Teil am musikalischen Aufschwung hat das Jugendorchester genommen, eine ausdrückliche Herzensangelegenheit von P. B. Smith. Nicht nur zahlenmäßig, sonder auch an spieltechnischer Sicherheit hat das 25-köpfige Unternehmen enorm zugelegt.
Prächtiger Nachwuchs also für’s große Orchester, das mit klassischen Klängen, wie der munter dahinwirbelnden Ouvertüre zur "Leichte Kavalerie" von Franz von Suppé nicht minder begeisterte, als mit dem "Marsch zur Shakespeare-Feier" von Friedrich Smetana. Und wer Mendelssohns "Hebriden" nach etwas wackeligem und intonatorisch nicht hundertprozentig getroffenem Einstieg, so munter und brilliant musiziert, hat eh‘ nichts zu befürchten. Allenfalls einen unglücklichen Termin, der die Leute bei schönstem Wetter eher zur Michaeliskirmes treibt, als in den Konzertsaal. Die knapp 500 Besucher machten allerdings zu Recht Krach für Tausend.
Matthias Gans
